Die St. Galler Landeskirche hat es im letzten Jahrzehnt geschafft, viele Jugendliche und junge Erwachsene zu beteiligen. Sie übernehmen Verantwortung und begeistern andere. – Ein Bericht von Markus Naef, Beauftragter für Junge Erwachsene.

André, Veronika und weitere junge Erwachsene stiegen nacheinander auf die Kanzel – nicht in einer Kirche, sondern auf dem Säntisgipfel. Sie redeten über ganz Unterschiedliches, aber alle davon, was heute aus ihrer Sicht zu reformieren wäre. Die Kanzel, gebaut vom Netzwerk Junge Erwachsene, wurde anlässlich des Reformationsjubiläums an besonderen Orten aufgestellt: auf einem Perron am Bahnhof St. Gallen, in einem Hallenbad und eben auf dem Säntis. Die Idee zur Aktion entspringt einer Grundhaltung der St. Galler Kirche: Junge Menschen sollen eine Stimme bekommen, sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen, sich beteiligen.

Am Anfang stand eine Motion unter dem Titel „geistliche Begleitung“, welche die Synode 2011 guthiess. Die Absicht: Schulische und ausserschulische Angebote für Kinder und Jugendliche sollen besser aufeinander abgestimmt werden, um eine kontinuierliche Begleitung von der Wiege bis ins junge Erwachsenenalter zu ermöglichen. Im kirchlichen Unterricht wie in der Freizeit sollen junge Menschen Neues entdecken und Gemeinschaft mit Gleichaltrigen erleben.

Zunächst wurden ausserschulische Erlebnisprogramme eingeführt, welche Glauben und Gemeinschaft auf vielfältige Weise erlebbar machen sollen. Vom Schmink-Atelier „Sein und Schein“ bis zu einer „Gipfelstürmer“-Wanderung: Jugendliche wählen ihre Programme und tragen per Smartphone auf der interaktiven Plattform pfefferstern.ch ihre Credits ein. Viele Angestellte von Kirchgemeinden sind heute der Ansicht, dass sie durch die Erlebnisprogramme die Jugendlichen besser kennen lernen.

Dies ist eine wichtige Voraussetzung für ein weiteres Kernanliegen: Wir bestärken junge Menschen, ihre Interessen und Begabungen zu entfalten. Wir trauen ihnen zu, Verantwortung zu übernehmen beim Mitgestalten ihrer Kirche. So wie die drei Oberstufenmädchen, die das Kinderprogramm der Kirchgemeinde Uznach und Umgebung mitleiten.

Um solchen Aufgaben gewachsen zu sein, besuchen Jugendliche die «First steps»-Kurse der Kantonalkirche, in denen sie durch praktisches Erleben das nötige Know-how zu Führungsstilen, Gruppenprozessen oder zum Anleiten von Spielen erwerben. Die Kurse werden von jungen Erwachsenen mitverantwortet, die früher selbst an diesen Weiterbildungen teilgenommen hatten. So wird ein Ziel bei der Arbeit mit über 18-Jährigen realisiert: Sie tragen die Kirche mit.

Die junge Studentin, welche die kantonale Verzichtsaktion „40 Tage ohne“ leitet, der Kantonsschüler, welcher Finanzverantwortlicher in der Vorsteherschaft seiner Kirchgemeinde wurde, oder das gute Dutzend 18- bis 30-Jähriger, welche seit Jahren der Synode angehören (eine Frucht der Aktion „30 unter 30“): Sie alle übernehmen Verantwortung in Gemeinde und Kantonalkirche, oft auch in Angeboten für Kinder und Jugendliche. Damit schliesst sich ein Kreis.

Zusätzlichen Schwung verleihen Zivildienstleistende. Seit 2008 haben rund 60 junge Männer ihren Dienst in der St. Galler Kirche geleistet. Die Kirchgemeinden schätzen es, dass sie auf einfache Weise einen Zivi beschäftigen können, weil die Kantonalkirche den Grossteil der Administration übernimmt. Sie sorgte auch dafür, dass die einzelnen Gemeinden anerkannter Einsatzbetrieb sind.

Das Zusammenspiel von Angeboten für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gelingt nur, wenn die Beteiligten – Behörden, Angestellte und Freiwillige – sich gut kennen und verständigen. Auch dies ist ein Kernanliegen des Gesamtkonzepts: kirchliche Arbeit optimal zu koordinieren. Bei regionalen «Verschnaufpausen» im vergangenen Herbst zeigte sich: Es kann nicht alles gelingen. Herausforderungen stehen in jeder Gemeinde an und wer etwas versucht, kann auch scheitern.

Wenn sich dann alljährlich im Februar freiwillige und angestellte Mitarbeitende sowie Mitglieder von Kirchenvorsteherschaften an der „Jahreskonferenz Geistliche Begleitung“ treffen, ist das immer wieder ein Anlass zum Staunen, wie viele verschiedene Menschen auf höchst unterschiedliche Weise und doch mit einer gemeinsamen Vision unterwegs sind: „Bei uns können junge Menschen etwas erleben. Bei uns kann man staunen und lernen. Bei uns wird gefeiert.“  

Kirchgemeinden und Kantonalkirche – ein Zusammenspiel am Beispiel des «Refresh-Camps»

Refresh Jungendliche

Ruedi Eggenberger ist Diakon in der Kirchgemeinde Sennwald. Er hatte einen Traum: zum Reformationsjubiläum mit Hunderten von Jugendlichen eine Lagerwoche verbringen. Er konnte andere vom Vorhaben begeistern und ein Team auf die Beine stellen, welches das Camp unter dem Titel «Refresh» aufgleiste. Das Engagement wurde von kantonalkirchlichen Beauftragten unterstützt. Zudem konnte eine dreijährige Projektstelle unter dem Titel «mit jungen Menschen unterwegs» geschaffen werden, welche auch das «Refresh-Camp» unterstützen konnte. Das Projekt wird von mehreren Kirchgemeinden getragen und aus einem Fonds der Kantonalkirche mitfinanziert.

Ein reformiertes Lager dieser Grösse war eine Première für St. Gallen. Eine, die sich gelohnt hat: 340 Jugendliche samt Leitungsteam verbrachten eine erfrischende Woche im kroatischen Sibenik, mit Spass am Strand, in Workshops und mit täglichen Andachten. Wichtig war aber auch, Anliegen der Jugendlichen an die Kirche zu sammeln. „Ziel ist es, dass sie eine Stimme erhalten und die Kirche mitgestalten können“, sagt Johannes Kugler, Projektbegleiter des Camps. Es ist bereits die nächste Lagerwoche geplant, diesmal für Kinder.

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